Tausendmal geübt...

Tausendmal geübt...

Sicher kennt Ihr das auch. Da gibt es im Stück diese eine Stelle, die Ihr schon gefühlte tausendmal geübt habt. Und wenn Ihr sie langsam und einzeln spielt, dann klappt das auch ganz gut.

Aber ab einem bestimmten Tempo, und besonders im Zusammenhang beim Durchspielen, ist von den notierten Tönen nicht viel mehr zu hören als ein kläglich genuscheltes Fiepen...

Aus Griffen werden Bewegungen

Eine Erklärung ist, dass ab einem gewissen Tempo aus den einzelnen Griffen eine zusammenhängende Bewegung werden muss. Wir können also nicht mehr schnell genug Einzel-Informationen (also einzelne Griffe) nacheinander abrufen. Deshalb müssen mehrere Griffe zu einer Bewegung "zusammengedacht" werden.


Tipp 1

Ihr kennt das Prinzip vielleicht aus anderen "Erinnerungs-Techniken", z.B. um sich Zahlenfolgen wie etwa eine Telefonnummer zu merken: Versuche, Dir neun einzelne Ziffern zu merken:
3 9 7 1 8 5 2 7 3

Leichter geht es, wenn Du die einzelnen Informationen zu Päckchen zusammenpackst:
397   185   273


Tipps für eine sichere Technik

Bei Bewegungen (= Tonfolgen), die wir schon oft ausgeführt haben, hat unser Körper bereits ein Bewegungs-Programm abgespeichert.

Wenn aber bei einer Stelle Tonverbindungen vorkommen, die Du noch nicht so oft gespielt hast oder bei der sich die Finger sehr "durcheinander" bewegen, dann müssen wir diese Tonfolge zunächst als Bewegung abspeichern. Und das gelingt am besten, wenn wir genau darüber nachdenken, welche Finger sich da eigentlich bewegen sollen!

Ich packe in meinen Koffer...

Meinen jungen SchülerInnen erkläre ich das Prinzip gern mit der Idee, dass wir für solche Stellen einen Koffer packen. Weil es viel zu aufwändig wäre, im entscheidenden Moment (also wenn die Stelle im Stück drankommt) erst jede Socke und jedes T-Shirt (also die einzelnen Töne=Griffe) im Kleiderschrank zusammenzusuchen, packen wir die zusammengehörenden Einzelteile in einen Koffer (= Bewegungsablauf). Und haben sie so gemeinsam griffbereit.

Wichtig ist beim Üben nun, dass ich mich beim Spielen daran erinnere, dass ich diesen Koffer gepackt habe! Das bedeutet: ich muss üben, an das Geübte zu denken.  


Wichtig:

Wenn etwas nicht gleich klappt, versuche ganz genau herauszufinden, was die Ursache ist! Es ist nie alles schwierig! Wenn Du herausgefunden hast, an welcher Stelle genau Du immer hängenbleibst, finde heraus, warum:

  • Ist es eine ungewohnte Fingerbewegung?
  • Habe ich die Noten richtig gelesen?
  • Sind mir die Griffe nicht ganz klar?            
  • Weiß ich eigentlich genau, welche Finger sich dort bewegen müssen?


Damit aus einzelnen Griffen eine Bewegung wird, schau Dir genau an, welche Finger sich gemeinsam bewegen - und auch, welche sich nicht bewegen! Wenn Du dann spielst, beobachte die Bewegung "von innen":

  • Achte auf die "Zusammenarbeit" von Fingern, die sich ablösen: welcher geht hoch, welcher geht runter?
  • Wenn Du Dich auf die Finger konzentrierst, die sich nicht bewegen, kann das für ein entspanntes, also ruhiges Bewegungsgefühl hilfreich sein.    
  • Teile längere Abschnitte in Unterabschnitte: drei oder vier Töne sind eine gute Richtzahl

Konzentrier Dich!

Wenn ich mir also vornehme, mich beim Konzert oder auch bei der Probe ganz besonders zu konzentrieren, dann macht das nur einen Sinn, wenn ich weiß, worauf ich mich konzentrieren will! Und da kommt jetzt wieder der Koffer ins Spiel: beim Üben lege ich fest, worauf ich mich wann konzentrieren will, damit eine Stelle gelingt.
Dieses "Koffer-hervorholen" können wir so üben:

  • Zunächst entscheidest Du für diese Stelle, auf welchen Bewegungsabschnitt Du besonders achten musst.
  • Wenn die Stelle dann gut gelingt: hör nicht auf zu denken! Dein Gehirn lernt neben der Bewegung auch den "Denkweg".
  • Steigere für die zusammengedachte Bewegung das Tempo - und achte darauf, dass Du nicht wieder einzelne Töne denkst, sondern Dich auf die Bewegung konzentrierst.
  • Erhöhe die Anforderung an die Konzentration: fange ein Stück vor der Stelle an. Direkt davor stoppst Du, erinnerst Dich, worauf Du achten willst (holst den Koffer hervor;)), und spielst erst dann die Stelle.
  • Wenn Du Unterabschnitte gebildet hast, spiele diese einzelnen Abschnitte jeweils schnell - mit einer Erinnerungspause dazwischen, um die folgende Bewegung vorauszudenken.
  • Steigere die Anforderung an die Konzentration, indem Du den Vorlauf verlängerst oder/und die Denkpause verkürzt.

Tipp2

Spiele lieber langsam und mit einer ganz sicher und richtig ausgeführten Bewegung, als nach der Methode "zwei Durchgänge von zehn" zu hoffen, dass es schon irgendwann klappen wird.

Wenn Du Deinem Gehirn für die gleiche Stelle in den Noten zehn verschiedene Versionen an Bewegungen anbietest (Dich also zehnmal irgendwie durchmogelst mit ungefähr ähnlichen Griffen) - dann wird es gar nichts abspeichern können - und Du fängst am nächsten Tag wieder von vorn an...



Wach bleiben!

Achtung: wenn Du Dich bei der Stelle wieder verhedderst oder merkst, dass Du mit den Gedanken nicht mehr dabei bist  - fordere Dich zu Konzentration auf oder mach eine Pause! Jeder nicht-gedachte Versuch bringt nur Verwirrung!

Wissen = Kontrolle = Sicherheit

Bei dieser Übemethode ist es nicht das Ziel, sofort im Tempo durchspielen zu können. Vielmehr müssen wir den Moment erkennen, bis zu dem wir in einer Übe-Einheit die Anforderung steigern können.

Aber wenn wir uns die Zeit nehmen, die Denk-Vorbereitungs-Pausen zwischen unseren bereits schnell gespielten Abschnitte kontinuierlich zu verkürzen, dann stehen die Chancen sehr gut, dass wir auch in der entscheidenden Situation unseren geübten Denkweg finden. Denn nur das Wissen um die Bewegung führt zu Kontrolle - und damit zu Sicherheit!

Sandra Engelhardt

Erkenntnisreiche Beobachtungen
wünscht

Sandra Engelhardt

www.wirfloetenquer.de
Sandra Engelhardt trat im Frühjahr 2015 mit der Veröffentlichung ihrer Unterrichtskonzeption "Wir flöten QUER!" (Breitkopf & Härtel, Wiesbaden) an die flötenpädagogische Öffentlichkeit.

Die diplomierte Instrumentalpädagogin und Flötistin unterrichtet an der Musikschule der Stadt Langenhagen. An der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover lehrt sie Flöte im Haupt- und Nebenfach und leitet das Seminar "Didaktik des Flötenunterrichts". Ihre Tätigkeit als Fortbildungsdozentin rundet die Beschäftigung mit den verschiedenen Ebenen der Instrumentalpädagogik ab.