„Schön schmutzig“- die „dirty intonation“

Mike Rafalczyk Posaunist,
Mike Rafalczyk

Liebe Posaunistin, lieber Posaunist,

diesmal möchte ich dir einen besonderen Effekt näher bringen. Wie alle Effekte ist auch dieser nur schön, wenn er wirklich als Effekt, also nicht ständig eingesetzt wird. Dann aber entfaltet er eine einzigartige Stimmung.


1) Die sogenannte „dirty intonation“

Streng genommen, ist die Bezeichnung irreführend, denn „Intonation“ bezieht sich eigentlich auf die korrekte Höhe eines Tones. Es geht vielmehr um einen rauen, wilden Sound, den du deiner Posaune entlocken kannst.


2) Die Geschichte

Diesen Effekt kann man nur verstehen, wenn man ein Bisschen über seine Entstehung weiß.
Duke Ellington hatte mit seiner Bigband in den 1920er Jahren in New Yorks berühmtesten Jazzclub, dem Cotton Club, ein festes Engagement. Diese regelmäßige Beschäftigung gab ihm die Möglichkeit zu experimentieren. Seine damalige Herangehensweise an ein Bigbandspiel unterschied sich gravierend von dem, was alle anderen Bigband Leiter machten. Während andere auf einen homogenen Klang im jeweiligen Satz großen Wert legten, setze Ellington seine Musiker als Individualisten ein. Jeder konnte sich mit seinen Besonderheiten, seinem persönlichen Stil einbringen. Der Sound, den Ellington kreierte, ist als „Djungle style“ in die Jazzgeschichte eingegangen. Im Cotton Club wurde den fast ausschließlich weißen Besuchern ein Bild von den Schwarzen dargeboten, welches sie als urtümliche „Wilde“ darstellt. Heutzutage undenkbar, aber in den 20er Jahren war das so.

Tipp: schau dir den Film „Cotton Club“ an, in dem Richard Gere die Hauptrolle spielt. Er ist absolut sehenswert und der Hauptdarsteller hat für diesen Film wirklich Kornett spielen gelernt.


3) Der „Erfinder“

Posaunist in Ellingtons Bigband war Sam Nanton, der- aus gutem Grund- den Spitznamen „Tricky Sam“ bekam, denn seine besonderen Tricks beim Posaunenspiel wurden schnell berühmt, sein Sound war unverwechselbar.  

Tipp: suche im Internet unter „Tricky Sam Nanton“ nach Aufnahmen und höre sie dir bewusst an


4) Der Sound

Wenn du „Tricky Sam“ spielen hörst, wirst du den Eindruck haben, dass er auf seiner Posaune „spricht“. Du hörst den Ton, untermalt von Lauten, die sich wie „jajajaaaa“ anhören. Du wirst einen weiteren, sehr rauen Sound entdecken, wie ihn auch manchmal Trompeter einsetzen. Und du wirst entdecken, was du als einziges Hilfsmittel dazu benötigst: einen Wah-Wah Dämpfer, auch „Plunger“ genannt.

Tipp: ein Pümpel aus dem Baumarkt ist eine sehr preiswerte und hervorragende Alternative


Abbildung 1
Abbildung 2

Halte deine Posaune nicht wie üblich, sondern nimm den Dämpfer in die linke Hand und lege den Schallbecher auf den Handballen. So ruht deine Posaune  sicher und du hast gleichzeitig die Möglichkeit, deine Hand etwas zu bewegen. (Abbildung 1 und 2) Damit erreichst du schon den Sound, der diesem Dämpfer seinen Namen gegeben hat.
Jetzt spiele einen langen Ton und lasse deine Zunge dabei flattern, indem du sie vorne, hinter den oberen Schneidezähnen andrückst. Dein Ton wird jetzt zigfach unterbrochen und klingt rau.
Nimm jetzt den Dämpfer dazu und kombiniere beides: spiele diesen flatternden Ton, öffnest und schließt dabei den Schallbecher mit dem Dämpfer. Es erfordert etwas Übung, damit dir durch die Zungebewegung nicht die Tonhöhe wegkippt.

Tipp: noch typischer wird der Sound, wenn du gleichzeitig einen „Pixie Mute“ einsetzt

Diesen Dämpfer gibt es, meines Wissens nach, nur von „Humes & Berg“. Das ist ein Dämpfer in der Art eines Straight Mute, der aber so klein ist, dass er ganz in den Schallbecher deiner Posaune hinein passt.
Mit diesem Sound haben viele Posaunisten gearbeitet. Beispielsweise Al Grey, Tricky Sam Nanton oder Dickie Wells. Letzterer hat zusammen mit dem Trompeter Rex Stewart ein Album eingespielt, das den Titel „Chatter Jazz“ trägt. Die beiden Musiker scheinen sich mit ihren Instrumenten regelrecht zu „unterhalten“(engl. „to chat“: sich unterhalten).


6) Zusätzliche Spieltechnik

Tricky Sam hat einen weiteren Effekt eingesetzt, der dir vielleicht schon mal unter dem Begriff „Multiphonic“ begegnet ist. Damit hat er den „jajaaa“ Sound erreicht. Diese Spieltechnik verwendet das gleichzeitige Singen und Spielen und erfordert viel Übung. In diese Technik führe ich dich in meinem nächsten Profitipp ein.

Viel Spaß beim „sprechen lernen“ mit deiner Posaune!

 

Mike Rafalczyk