Fehlerfrei spielen – Ein Abend in der Philharmonie

Blech spielen ist eine Herausforderung für jeden Blechspieler, und es wird vor Publikum noch schwieriger. Jeder Musiker kennt diese Angst, dass der Ton an schwierigen Stellen
nicht gut klingen könnte oder dass man einfach gar keinen Ton aus seinem Instrument herausbekommt.


Vor zwei Jahren habe ich als Eufonium-Spieler den Satz »Bydlo« aus »Bilder einer Ausstellung « von Modest Mussorgsky mit einem symphonischen Orchester gespielt. Ravel hat das Werk instrumentiert und das Eufonium (damals französische Tuba) als Soloinstrument eingesetzt.

Der Auftritt war in der Berliner Philharmonie und ich fand den Saal sehr beeindruckend. »Bydlo« wurde als viertes Stück gespielt und ich musste mit meinem kalten Instrument auf den Knien ca. 15 Minuten warten, bis ich nach dem Satz »Tuileries« spielen sollte – lediglich von leisen Celli begleitet:
Die Holzbläser beenden ihre Phrase mit schnellen hohen Tönen und jetzt bin ich dran. Der Dirigent schaut mich an und gibt ein Zeichen an die Cellisten – das Stück fängt an.

In solchen Situationen kann man sich sehr leicht verspielen und ich möchte meine Erfahrungen
zu diesem Thema teilen.

Was ist ein Fehler?

Ich habe häufig Musiker gehört, die sich nach einem Auftritt beschwert haben, sie hätten viele Fehler gemacht. Aber was ist eigentlich ein Fehler?

In der Klassik wird sehr stark auf die Intonation und die Interpretation des Notenmaterials geachtet und weniger auf den Rhythmus und das »Microtiming«. Beim Jazz und Pop wird im Gegensatz dazu mehr Wert auf den Rhythmus und den Klang gelegt.

Ob ich beim Spielen einen Fehler mache oder nicht, ist somit eine Sache des musikalischen Kontexts. Es gibt keine perfekte Interpretation.
Auch wenn ich sie vermeiden will, bleiben Fehler nur ein kleines Detail der Musik, welches häufig bloß von den Musikern selbst bemerkt wird.

Aber als Interpret will ich mich nicht auf kleine Details konzentrieren, sondern auf das große Ganze; nicht Ton für Ton denken, sondern in den großen musikalischen Phrasen. Außerdem sollte klar sein,dass fehlerfrei zu spielen kein Ziel an sich ist,
sondern nur ein Weg, um eine schöne Interpretation zu liefern. Ein Musiker kann alle
Töne perfekt spielen und immer noch keine Musik machen. Aber auch wenn man eine positive Einstellung zu Fehlern hat, bleibt das Blechspielen bei vielen Aspekten problematisch.


Mit Stress und Müdigkeit entsteht die Gefahr, dass ein Blechspieler einen Ton verpasst, vor allem im hohen Register. Spielroutine und eine gute Vorbereitung sind entscheidend,
um solche Situationen zu vermeiden.

Den Ton einatmen

Um fehlerfrei zu spielen, muss ich mich intensiv vorbereiten und dabei einen Fehler nach dem anderen gründlich beseitigen. Nur so kann ich am Ende eine überzeugende Performance liefern.

Wenn ich beim Üben Fehler mache, sollte ich positiv bleiben und mit Geduld versuchen, herauszufinden, wo und warum ein Fehler passiert ist. Fehler sind tatsächlich Teil des Lernens. Wer hat Fahrradfahren gelernt, ohne hinzufallen? Blechspielen ist genau das gleiche: Ich kann nicht von Anfang an alles perfekt spielen. Aber wie kann ich positiv bleiben, wenn ich einen Fehler in
meinem Spiel bemerke? Allein die Tatsache, dass mir ein Fehler auffällt, ist eigentlich ein gutes Zeichen.

Normalerweise ist man so sehr an seine eigene Art zu musizieren gewöhnt, dass man nicht
merkt, wenn man etwas falsch spielt. Deswegen ist die halbe Arbeit schon geschafft, wenn ich mir eines Fehlers bewusst werde.
Um Fehler zu erkennen, kenne ich drei effiziente Methoden:
• Stimmgerät und Metronom verwenden.
• vor einem Lehrer spielen.
• sich selbst aufnehmen. (Das ist die härteste Methode!)
Sobald ich einen Fehler identifiziert habe, versuche ich, ihn zu korrigieren und füge meiner Spielroutine eventuell eine neue Übung hinzu. Der erste Ton ist für einen Blechspieler immer gefährlich. Das Instrument ist kalt, die Konzentration ist noch nicht da.

Als ich Gesangsunterricht hatte, sagte meine Lehrerin immer »Think the note as you breathein!« – man soll sich also schon beim Einatmen
den Ton und die Silbe vorstellen, um die Stimmmuskeln vorzubereiten. Dann ist der Ton viel leichter zu singen.

Ich verwende beim Blech dieselbe Technik und es funktioniert sehr gut. Noch ein Extratipp: bei schwierigen Stellen stelle ich den Ton mit einem kleinen Zungenstoß »da« sicher.
Fehler sollten nicht negativ betrachtet werden. Sie zeigen nur, wo wir unser Spiel noch weiterentwickeln müssen. Ich versuche so selten wie möglich zu üben, wenn ich müde bin. »Der Körper lernt auch Fehler«, und es ist sinnlos, die gleiche Stelle ständig falsch zu wiederholen. Ich finde es auch wichtig, am Ende des Tages die geleistete Arbeit anzuerkennen,
auch wenn kein kurzfristiger Fortschritt spürbar ist.

Nach dem Konzert

Die Cellisten spielen die ersten Töne, es sollte gis-Moll sein, aber ich kann es kaum hören, da sie auf der Bühne weit entfernt von mir sitzen. Ich fange kurz danach an zu spielen, lediglich orientiert an der Leitung des Dirigenten. Ich kann den Druck spüren, alles perfekt spielen zu müssen und es fühlt sich an, wie auf Eiern zu gehen.

Nach dem Konzert in der Berliner Philharmonie war ich nicht zufrieden. Ich hatte alles durchgespielt, aber ich hatte einen schlechten Eindruck von meiner eigenen Leistung. Auch wenn mir ein paar Musiker und Zuschauern gratulierten, konnte ich das Lob nicht annehmen, bis ich die Aufnahme des Konzertes selbst hörte.

Ich stellte fest, dass mein Selbsturteil falsch war und dass ich zu kritisch mit mir selbst gewesen war – die Perspektive änderte die Wahrnehmung von meinem Spiel. Das Publikum kommt zu einem Konzertsaal, nicht um Menschen zuzuhören, die alles fehlerfrei spielen können, sondern um Musik zu erleben. Ein Konzert ist eine Reise, ein Traum mit offenen Augen, und wenn man das weiß und erfährt, wird eine Auseinandersetzung mit Fehlern bedeutungslos.


Noch ein spannendes Konzert wünsche ich
Euch!


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